Macht Fluorid dumm?

Für Aufsehen sorgten kürzlich zwei nordamerikanische Studien, die einen negativen Einfluss erhöhter Fluoridaufnahme auf die Intelligenz Ungeborener sowie auf Leber und Nieren nahelegten. Für Deutschland kann indes Entwarnung gegeben werden.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der kontinuierliche Kariesrückgang in den Industrieländern zu einem großen Teil auf Fluorid zurückzuführen ist. Das Salz der Fluorwasserstoffsäure härtet den Zahnschmelz und macht ihn damit widerstandsfähiger. Auch Babys profitieren davon, wenn ihre Mütter in der Schwangerschaft Fluorid zu sich genommen haben. Daher findet sich der Stoff nicht nur in den meisten Zahncremes, sondern auch in Speisesalz. In den USA und Kanada wird er sogar in vielen Gebieten dem Trinkwasser zugesetzt.

Aus ebendiesen Ländern stammen zwei Studien, die in den letzten Wochen große mediale Aufmerksamkeit erhielten: Forscher der York-Universität im kanadischen Toronto kamen zu dem Schluss, dass Mütter mit einer erhöhten Fluoridaufnahme während der Schwangerschaft den Intelligenzquotienten (IQ) ihres Kindes statistisch signifikant senken. Ein Team aus US-Wissenschaftlern stieß auf einen Zusammenhang zwischen Fluorid und einer eingeschränkten Funktion von Leber und Nieren.

Sollten insbesondere Schwangere also fluoridhaltige Zahncremes und Salze meiden? Diese naheliegende Schlussfolgerung kann aus den Studien bei näherer Betrachtung nicht gezogen werden.

Fluoridaufnahme in Deutschland generell relativ gering
Beide Forschungsarbeiten weisen methodische Schwächen auf. So wurde etwa für die kanadische Studie die Fluoridkonzentration von Schwangeren im Spontan-Urin gemessen, der deutliche Schwankungen aufweisen kann. Zudem wurde die systemische Fluoridaufnahme anhand der Postleitzahlen geschätzt, je nachdem, ob das Trinkwasser im betreffenden Gebiet fluoridiert wird oder nicht. Die tatsächliche Aufnahme ließ sich so nur sehr ungenau feststellen. Bei der US-Studie hingegen wurden lediglich partielle Zusammenhänge aufgedeckt, deren Ursache-Wirkungs-Verhältnis unklar bleibt. So ist zwar denkbar, dass ein hoher „Fluoridspiegel“ im Blut zu schlechteren Nieren- und Leberwerten führen kann. Genauso kann aber auch eine gestörte Funktion dieser Organe eine überdurchschnittliche Fluoridanreicherung begünstigt haben.

In dieser eingeschränkten Aussagekraft liegt allerdings nicht der Hauptgrund für die Entwarnung. Vielmehr kann man in Deutschland generell von einer niedrigeren Fluoridaufnahme ausgehen, auch wenn fluoridiertes Speisesalz verwendet wird. Aus diesem stammen im Schnitt etwa 0,1 Milligramm Fluorid pro Tag, wozu 0,24 Milligramm aus dem Trinkwasser kommen (das den Stoff auch ohne Extra-Fluoridierung natürlicherweise enthält). Die Summe von 0,34 Milligramm entspricht in etwa der, die kanadische Schwangere in Regionen ohne Trinkwasserfluoridierung aufnehmen. Bei fluoridiertem Trinkwasser hingegen kommt pro Tag fast das Dreifache zusammen. Das Gleiche gilt für die US-Studie, deren Probanden wesentlich mehr Fluorid konsumierten als in Mitteleuropa üblich.

Fazit: Es besteht in der Regel kein Anlass, auf fluoridhaltige Produkte wie Speisesalz und Zahncreme zu verzichten – die damit aufgenommene Menge an Fluorid ist auch nach neuesten Forschungsergebnissen unbedenklich.