Unterschätzte Parodontitis

Rund 50 Prozent der Erwachsenen mittleren Alters sind von einer parodontalen Erkrankung betroffen. Doch nur ein Bruchteil lässt sich behandeln. Die Volkskrankheit wird stark unterschätzt, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Die fünfte deutsche Mundgesundheitsstudie aus dem Jahre 2016 zeigt, dass rund 50 Prozent der Erwachsenen mittleren Alters von einer parodontalen Erkrankung betroffen sind. Bei den über 65-Jährigen sind es sogar zwei Drittel mit Zahnbettentzündungen. Laut einer aktuellen Untersuchung der Barmer Krankenkasse unterziehen sich rund die Hälfte der versicherten Erwachsenen einer Parodontitis-Untersuchung. Das sind etwa 34 Millionen Versicherte. Das klingt viel. Aber: Im Jahr 2015 durchliefen nur 1,2 Millionen Patienten eine Therapie. Das sind weniger als zwei Prozent der Versicherten.

Nicht jeder von Parodontitis betroffene Patient benötigt zugleich eine entsprechende Therapie. Aber es gibt dennoch angesichts dieser Zahlen ein deutliches Missverhältnis zwischen Parodontitis-Erkrankten und behandelten Patienten. „Dies ist insbesondere fatal vor dem Hintergrund, dass der Therapieerfolg umso besser ist, wenn die Erkrankung früh erkannt wird und noch nicht zu weit fortgeschritten ist“, erklärt die Hanauer Zahnärztin Kristina Varga.

Zahnverlust trotz Therapie
Ein Drittel aller Parodontitis-Patienten hat trotz Therapie Zahnverlust innerhalb von vier Jahren. Grund hierfür ist vermutlich der zu späte Beginn einer Behandlung. Obwohl die Wichtigkeit der regelmäßigen, bei Erwachsenen mindestens zweimal jährlichen Vorsorgeuntersuchungen immer wieder betont wird, wird dies nicht von allen Patienten umgesetzt. So gingen 2015 nur 71,7 Prozent aller Versicherten einmal im Jahr zum Kontrolltermin. Männer sind dabei statistisch gesehen häufiger „Zahnarztmuffel“ als Frauen. Denn bei letzteren ist der Anteil mit 75,4 Prozent höher als bei Männern mit 67,8 Prozent.

Im Gegensatz zu Karies ist Parodontitis tückischer. Denn die ersten Symptome der Zahnbetterkrankung verlaufen ohne Schmerzen. Setzt nicht frühzeitig die Behandlung ein, dringt die Entzündung in tiefere Gewebe vor und beschädigt auf Dauer die Kieferknochen, so dass die Zähne ihren Halt verlieren. Raucher, Diabetiker und Menschen, die unter Stress leiden oder ein geschwächtes Immunsystem haben, gelten als besondere Risikogruppen. Eine genetische Disposition, also erbliche Faktoren, können ebenfalls eine Rolle spielen.

Parodontitis bleibt eine Volkskrankheit. Sie ist die Hauptursache für Zahnverluste, weil Patienten hierzulande zu selten oder zu spät zum Zahnarzt gehen oder die Therapieempfehlungen des Zahnarztes nicht befolgen.