Wenn Amöben den Mundraum bevölkern

Leiden Patienten unter schwerer Parodontitis, ist in aller Regel eine Amöbenart beteiligt. Forscher haben das Wirken dieses einzelligen Parasiten nun erstmals genauer nachgewiesen.

Die Parodontitis, eine Entzündung des Zahnhalteapparats, gehört zu den verbreitetsten chronischen Erkrankungen überhaupt. Schätzungsweise 15 Prozent der Bundesbürger weisen eine schwere Form auf. „Die Parodontitis gefährdet nicht nur die Zahngesundheit bis hin zum Zahnverlust; die ständige Keimbelastung im und aus dem Mund kann den gesamten Organismus schädigen, was sich etwa in Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arthritis oder sogar Krebs äußern kann. Mit all diesen und weiteren Erkrankungen wurden signifikante Zusammenhänge nachgewiesen“, betont die in Hanau praktizierende Zahnärztin Kristina Varga, die auf die Bedeutung regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen zur frühzeitigen Erkennung und Behandlung verweist.

Eine neue Studie könnte die Motivation dazu bei manchen Patienten erhöhen. Denn wie Forscher des Instituts für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Berliner Charité herausgefunden haben, hat eine Amöbenart bei schwerer Parodontitis ihren Anteil. Amöben sind einzellige Parasiten, die gesundes Gewebe zerstören und Entzündungsreaktionen verstärken können. Im Mundraum steigt das Vorkommen der Amöbe Entamoeba gingivalis bei einer fortschreitenden Parodontitis ebenso kräftig an, wie die (gesunde) Bakterienvielfalt zurückgeht.  

Parallelen zur Amöbenruhr im Darm
Aufbau und Verhalten der Amöbe ähnelt denen der verwandten Art Entamoeba histolytica. Diese ist für die gefürchtete Darmerkrankung Amöbenruhr verantwortlich, eine der weltweit gefährlichsten parasitären Erkrankungen. „Wir haben nachgewiesen, dass auch eine die Mundhöhle besiedelnde Amöbe wie E. gingivalis in die Schleimhaut eindringt und dort das Gewebe zerstört. In der Folge können vermehrt Bakterien eintreten und die Entzündung und Gewebezerstörung weiter verstärken“, erläutert Forschungsleiter Prof. Dr. Arne Schäfer.

Der mundspezifische Parasit ist durch Tröpfcheninfektion übertragbar. Prof. Schäfer bezeichnet ihn als möglichen „Verursacher schwerwiegender oraler Entzündungskrankheiten“. Somit könnte die Entdeckung seines Teams zu zukünftigen Heilungserfolgen beitragen: „Bislang werden weder die Infektion noch die erfolgreiche Eliminierung dieses Parasiten in der Therapie einer Parodontitis berücksichtigt.“ Wie genau dieses Wissen im Praxisalltag genutzt werden kann, wird derzeit in Folgestudien geklärt.